Wie alles begann: Stephen Kings „Christine“

Jeder Autor hat diese Momente in seinem Leben, in denen er spürt, dass er gerade ein Stück Kunst erlebt hat, dass sein Leben verändern wird.

Und so verrückt das vielleicht für manche Leute klingen mag, für mich war das 1984 Christine, der erste Roman vom Großmeister des Schreckens, Stephen King, den ich je gelesen habe, und zugleich bis heute einer meiner Lieblingsfilme von John Carpenter.

Worum geht’s?

Arnie Cunningham ist ein Schüler, für den die Highschool eine nicht enden wollende Kette von Demütigungen ist. Doch zum Glück hat er einen guten Freund, den Football-Star der Schule Dennis Guilder, der ihm immer wieder aus den schlimmsten Situationen heraushilft.

Doch all dies ändert sich in dem Moment, als Arnie ein heruntergekommenes Auto auf einem verwilderten Grundstück entdeckt. Der schrottreife Plymouth Fury von 1958 trägt den Namen Christine, und gegen den Widerstand seiner Eltern und zum Unverständnis seiner Freunde kauft Arnie den Wagen von seinen Ersparnissen und beginnt ihn zu reparieren.

Wider Erwarten macht er dabei schnelle Fortschritte, und schon bald kann er mit dem knallroten Straßenkreuzer vor der Schule vorfahren. Es gelingt ihm sogar, Leigh Cabot, das schönste Mädchen der ganzen Schule, zu seiner Freundin zu machen.

Arnie wird selbstbewusster, bis hin zur Arroganz, aber gleichzeitig auch unbeherrschter. Die Freundschaft mit Dennis und schließlich auch seine Beziehung zu Leigh drohen an der bizarren Liebe zu Christine zu zerbrechen.

Die Situation eskaliert endgültig, als die Schulschläger unter ihrem Anführer Buddy Repperton den Wagen in einer Nacht- und Nebel-Aktion vollständig zerstören. Als Arnie das zertrümmerte Auto findet, zerbricht etwas in ihm. Doch Christine baut sich unter seinen faszinierten Augen selbstständig wieder zusammen.

Pötzlich beginnt der rote Wagen einen grausamen Rachefeldzug gegen sene Peiniger, doch ist es wirklich das Auto oder doch Arnie, der diese Rachegedanken hegt?

Das Buch

Stephen King schrieb den Roman Christine 1982, das Buch erschien 1983 bei Viking. Im ersten Jahr verkaufte der Roman mehr als 300.000 Exemplare, und Stephen King, der im Nachhinein nicht wirklich von seinem Werk überzeugt war, nahm zum ersten Mal richtig Geld ein, weil er einen neuen Vertras ausgehandelt hatte.

Die deutsche Übersetzung von Bodo Baumann erschien noch knapp vor Beginn des Jahres 1984 bei Bastei Lübbe.

Zu jener Zeit entdeckte ich gerade den „King of Horror“, und Christine war nach der Kurzgeschichtensammlung Nachtschicht der erste Roman, den ich von ihm las. Ich war (als Führerschein-Neuling) sogleich fasziniert von der Geschichte um ein verfluchtes Auto, das ein grausiges Eigenleben führte, und verschlang das Buch in kürzester Zeit.

Der Loser Arnie Cunningham war irgendwie ein Spiegelbild dessen, wie ich mich während meiner Schulzeit oft fühlte, und ich träumte davon, mit einem schönen Mädchen an meiner Seite ein mindestens ebenso cooles Auto zu fahren, und das, obwohl vor meinem Haus immerhin ein Opel Kadett mit Rallye-Streifen stand (damals schon ziemlich weit vorne).

Der Roman erhielt durchwachsene Rezensionen, und wenn man ihn objektiv betrachtet, stimmen die meisten der Kritikpunkte wohl auch. Es wurde immer wieder gesagt, King habe dieses Buch in einem einzigen riesigen Alkoholiker-Blackout geschrieben, und vieles wirkt auch so, als wisse der Autor nicht mehr, was er zehn Seiten zuvor geschrieben hat. Viel zu viele Kapitel scheinen keinen wirklichen Sinn zu erfüllen, und ganze Sub-Plots (wie eine Geschichte über Zigarettenschmuggel) könnte man entfernen, ohne dass der Roman etwas verlieren würde.

Und doch reißt King in den besten Teilen des Buchs dem amerikanischen Traum die grinsende Maske vom Gesicht und offenbart ihn als boshafte Fratze.

Der Film

Stephen King bot die Rechte an Christine noch vor der Veröffentlichung dem Produzenten Richard Kobritz zur Verfilmung an, und der sprang sofort auf die Geschichte an, welche in seinen Augen vor allem die Besessenheit der Amerikaner mit ihren Autos thematisierte.

Das von Bill Phillipps verfasste Drehbuch basierte auf einer Arbeitsfassung des Romans und nimmt sich einige Freiheiten gegenüber dem Original. So wurden beispielsweise einige der Todesszenen geändert, um sie filmisch ansprechender zu machen, teilweise aber auch, um sie überhaupt finanzieren zu können (so hätte die Todes-Szene des Schrottplatzbesitzers erfordert, dass Christine ein ganzes Haus plattmacht).

John Carpenter übernahm den Posten als Regisseur nicht aus Begeisterung, da er den Roman als wenig erschreckend empfand, doch nach dem Misserfolg seines Herzensprojekts Das Ding aus einer anderen Welt brauchte er einfach einen Job.

Die Besetzung besteht vor allem aus jungen, unverbrauchten Gesichtern, zum Beispiel dem späteren Baywatch-Star Alexandra Paul als Leigh Cabot in einer ihrer ersten Rollen. Altbekannte Gesichter wie Harry Dean Stanton als misstrauischer Bulle oder Robert Prosky als schmieriger Schrottplatz-Besitzer runden den Cast ab.

Musikalisch wird das Ganze vor allem von der typischen elektronischen John-Carpenter-Musik untermalt, doch dazwischen tauchen immer wieder alte Rock’n’Roll-Songs auf. Vor allem aber der Einstieg in den Film mit dem Song Bad to the Bone von George Thoroughgood & the Destroyers reißt den Zuschauer sofort in eine Welt, in der Musik und Autos mehr sind als einfach nur Nebensache.

Die auch heute noch beeindruckende Szene, in der sich Christine selbst wieder repariert, wurde übrigens erst im Nachhinein gedreht, weil der Regisseur zunächst das Mysterium aufrechterhalten wollte, dann aber doch einsah, dass das Publikum sehen wollte, was genau der Wagen tat, um wieder wie neu zu werden. Das obige Video enthält übrigens einige Ausschnitte dieser Momente.

Wie schon der Roman wurde der Film von der Kritik nicht gerade in den Himmel gelobt, und obwohl der Streifen an den Kinokassen nicht wirklich durchfiel, war er doch nicht der rauschende Erfolg, den man wegen des damals gerade übermäßig erfolgreichen Namens Stephen King erhofft hatte.

Die Folgen

Eine Zeitlang geriet Christine fast in Vergessenheit, doch der anhaltende Erfolg auf dem Heimkino-Markt (erst auf VHS, dann auf DVD und BluRay) machte aus dem anfangs wenig beliebten Streifen irgendwann einen Kultfilm.

Das gleichermaßen bullige und ästhetische Äußere des Plymouth Fury machte das eigentlich nicht sonderlich erfolgreiche Auto zu einer Art Sinnbild für die Autos der Fünfziger, und das, obwohl im Film auch Wagen der Baureihen Savoy und Belvedere den Platz der Hauptdarstellerin einnehmen mussten, weil man nicht genügend Furys auftreiben konnte.

Auch die inzwischen bekannte und bei den Fans beliebte rote Farbe war eigentlich nicht der Standard, sondern wenn überhaupt eine Sonderlackierung, da der Plymouth Fury normalerweise in Weiß mit goldenen Seitenstreifen angeboten wurde.

Das bösartige Auto wurde zu einem immer wiederkehrenden Bild vor allem in Verfilmungen von Stephen King. Bis heute tauchen in immer neuen Filmen und Serien, sie ich mehr oder weniger auf den „King of Horror“ beziehen, rot-weiße Plymouth Furys auf, die mit dröhnendem Motor durch die Landschaft rasen. Für die besondere Rolle der wildgewordenen Auto-Dame spricht auch, dass spätere Bücher mit ähnlichem Thema wie Der Buick nie diesen Kult-Charakter erreichen konnten.

Und was John Carpenter angeht, der scheint sich inzwischen zwar vom Filmemachen weitestgehend zurückgezogen zu haben, doch ein von ihm selbst gedrehtes Musik-Video zu einer Neuaufnahme des Christine-Themas zeigt, dass auch er wohl inzwischen seinen Frieden mit dem roten Wagen geschlossen hat.

Die Folgen für mich

Auch bei mir ist Christine irgendwann unter den Hunderten anderer Bücher und Filme verloren gegangen, die ich in den 35 Jahren danach konsumiert habe. Das Buch verschwand in einem Regal in der zweiten Reihe, und die irgendwann gekaufte DVD wurde – feinsäuberlich im Regal einsortiert – vergessen.

Doch dann fand ich in einer Kiste im Keller einige alte Schreibmaschinenseiten, die wohl aus dem Jahr 1984 stammen mussten (einen Computer hatte ich damals noch nicht).

Sowohl der Roman als auch der Film Christine endeten damit, dass der dämonische Plymouth Fury möglicherweise nicht wirklich zerstört war, sondern sich erneut regeneriert hatte und nach einigen Jahren wieder loszog, um sich an denen zu rächen, die für seine zeitweise Zerstörung verantwortlich waren.

Mit gerade mal 19 Jahren hatte ich damals beschlossen, dass ich in der Lage wäre, eine adäquate Fortsetzung zu schreiben, in der die beiden Helden des Romans, Dennis und Leigh, die sich laut Original voneinander getrennt hatten, erneut aufeinander trafen und sich ihrer motorisierten Nemesis zu einem letzten Duell stellen mussten.

Somit ist diese Geschichte wohl eins der ältesten Werke aus meiner Feder, das den Weg in die Jetztzeit geschafft hat, und eins der ersten Beispiele für meine „Schreibkunst“. Somit ist Christine im besonderen Maße verantwortlich für alles, was ich in den folgenden Jahren verfasst habe.

Damit ihr sehen könnt, was ich damals für eine gute Idee hielt, möchte ich wenigstens eine kurze Synopse des Textes bieten, den ich damals verfasst habe.

Christines Rückkehr

Ich hatte die Geschichte nach Las Vegas verlegt (warum, kann ich nicht mehr sagen, vermutlich hatte ich einen Film darüber gesehen und meiner Faszination für die Stadt in der Wüste nachgegeben), wo Leigh mit ihrem neuen Freund lebte, den ich schon auf der ersten Seite von Christine umbringen ließ.

Dennis hatte vom erneuten Auftauchen des Wagens gehört und tauchte in Vegas auf, um Leigh beizustehen. Nachdem sie Christine in einer wilden Verfolgungsjagd entkommen waren, sich aber im Streit getrennt hatten, entführte Christine das Mädchen (bemerkenswerterweise in einer Szene, die dem obigen Musik-Video sehr ähnelt). Dennis lockte das verfluchte Auto daraufhin mit seinem Pontiac Firebird zu der Baustelle eines Casinos (ich schwöre, das war eindeutig VOR Knightrider, aber auch ebenso eindeutig NACH Ein ausgekochtes Schlitzohr), wo es im strömenden Regen zum letzten Duell kam (ja, genau, in Las Vegas, wo es gefühlt nur ein paar Mal im Jahr ein paar Tropfen regnet).

Das Ende der nur wenige Seiten langen Geschichte war, dass Leigh aus dem fahrenden Auto sprang, während Dennis Christine mit seinem Wagen in ein frisch gegossenes Fundament schob, aus dem sie mehrfach versuchte, sich mit dröhnendem Motor zu befreien, bevor sie endgültig im Beton versank.

Dennis und Leigh, die am Ende natürlich wieder zusammen waren (ich bin nun mal ein Romantiker), besuchten irgendwann das fertige Casino, und sie waren sich beide absolut sicher, dass sie aus dem Boden der Eingangshalle das Dröhnen des mächtigen Achtzylinders hörten, der immer noch in seinem grauen ausgehärteten Gefängnis lief, selbst nach vielen Monaten.

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