Die Rückkehr der Europa-Gruselserie (Rezension)

Unter den Fans klassischer Hörspiele der siebziger und achtziger Jahre (den sogenannten Kassetten-Kindern) gilt die Europa-Gruselserie von H. G. Francis als einer der größten Meilensteine der deutschen Hörspiel-Geschichte.

Die Serie erschien 1981 zum ersten Mal. Die 17 Hörspiele bestanden teilweise aus recycelten Einzelhörspielen aus den Siebzigern, teilweise aber auch aus Originalen, die eigens für die Serie geschrieben wurden. Dazu kam noch ein separater Soundtrack von Carsten Bohn, der unter dem Titel Horror Pop Sounds erschien. Nach der insgesamt 18. Veröffentlichung wurde die Serie jedoch 1982 aus unbekannten Gründen eingestellt.

1987 gab es eine Wiederveröffentlichung von 10 Folgen, allerdings in stark veränderter Form.

Kurz darauf kam es zu einem Rechtsstreit mit Carsten Bohn um Tantiemen und Urheberrechte an der Musik, so dass eine weitere Neuauflage 1999 mit einem anderen Soundtrack erschien, teilweise auch gekürzt um Szenen, die man als zu drastisch empfand. Die Originale von 1981 und 1982 wurden dadurch erst recht zu gesuchten Sammlerstücken.

Mit dem Tod von Serienschöpfer Hans Gerhard Franciskowsky im Jahr 2011 wurde die Hoffnung der Fans auf eine Fortsetzung scheinbar zerstört.

Doch 2018 kündigte Europa plötzlich neue Folgen an, die am 1. März 2019 erschienen sind und die ich mir jetzt über Ostern endlich in Ruhe anhören konnte.

Können diese neuen Interpretationen den alten Schätzchen das Wasser reichen?

1: Polterabend – Nacht des Entsetzens

Gudrun und Gerhard feiern ihren Polterabend im engsten Freundes- und Familienkreis in ihrem weit außerhalb der Stadt gelegenen Landhaus. Morgen soll dann die große Hochzeit stattfinden.

Doch als die letzten Vorbereitungen steigen, beginnen sich die seltsamen Vorkommnisse zu häufen. Ob ein Poltergeist in dem alten Anwesen sein Unwesen treibt?

Oder gibt es doch ein  größeres Geheimnis, das diesen Ort umgibt?

2: Yeti – Kreatur aus dem Himalaya

Als in einer am Mount Everest entdeckten Kamera ein angebliches Foto des Yetis gefunden wird, macht sich eine Gruppe von fünf erfahrenen Bergsteigern auf den Weg in den Himalaya.

Sie sollen im Auftrag eines britischen Wissenschaftsmagazins klären, ob das Foto echt ist, oder ob es sich lediglich um eine der vielen Fälschungen handelt, wie man sie immer wieder findet.

Vor Ort bemerken sie rasch, dass hinter der scheinbaren Täuschung mehr steckt, als sie alle geahnt haben.

Bewertung

Seit 1973, als sie mit Das Geisterschiff ihre erste eigene Produktion verwirklichen konnte, hält Heikedine Körting, die Grande Dame des deutschen Hörspiels, im Hause Europa die Regie-Zügel fest in der Hand. Und auch heute, fast 50 Jahre danach, hat sie immer noch am Ruder fest in der Hand und kreiert im besten Sinne altmodische Hörwelten.

Wie man schon im vorab veröffentlichten Making-Of-Video sehen konnte, wurden die SprecherInnen offenbar als Ensemble aufgenommen, also nicht, wie es sonst heutzutage üblich ist, jeder für sich allein im Tonstudio. So können die SchauspielerInnen gut aufeinander eingehen und sich gegenseitig zu besseren Leistungen anstacheln.

Als SprecherInnen hören wir eine Mischung aus jungen und alt-bekannten Stimmen, wobei man als Insider der Hörspiel-Szene durchaus erkennt, dass einige SprecherInnen für ihre Rollen eigentlich zu alt sind, was aber beim reinen Hören nicht wirklich stört oder auffällt.

Ansonsten sind die Folgen immer wieder mit kleinen „Geschenken“ an die Fans durchzogen, die alte Toneffekte und Musikschnipsel suchen und entdecken dürfen.

Auffällig ist jedoch, dass die Aufnahmen sehr leise ausgesteuert sind, so dass man schon kräftig am Lautstärkeregler drehen muss, wenn man sie in einer lauteren Umgebung hören möchte. So schockieren zwar die lauteren Effekte ein wenig, wenn sie plötzlich die Schallmauer zu durchbrechen scheinen, aber ich hätte mir doch etwas mehr „Dampf“ in den normalen Szenen gewünscht.

Die Drehbücher von André Minninger sind ganz klar an die guten alten Zeiten angelehnt, und sie bieten den DarstellerInnen viele Möglichkeiten, sich voll in ihre Charaktere und die einzelnen Szenen hineinzusteigern. Allerdings sind die Hörspiele auch etwas länger als früher ausgefallen, was ihnen nicht immer gut tut.

So braucht Polterabend – Nacht des Entsetzens doch eine Weile, bis die Folge in Gang kommt, und zu welcher Zeit diese Geschichte spielen könnte, ist zumindest nicht ganz klar, da vieles ganz klar nach den Siebzigern oder Achtzigern klingt, die Nennung von Handys die Geschichte aber eindeutig später verortet. Abgesehen davon kann man über die Grundidee zu dieser Gruselgeschichte sicherlich geteilter Meinung sein. Letztendlich kriegt die Folge aber mit einer spannenden Endszene noch die Kurve.

Yeti – Kreatur aus dem Himalaya ist hingegen eine klassische Monstergeschichte. Auch hier sind wieder einige Wendungen enthalten, die ein wenig erzwungen wirken, aber das ist eigentlich eher eine Tradition der Gruselserie als eine Schwäche der neuen Drehbücher. In diesem Fall ist es allerdings eher das Ende, das ein wenig seltsam wirkt; würde das wirklich so passieren?

Präsentation

Da mir nur die MP3-Files vorliegen, kann ich zur Ausstattung der physischen Kopien nur wenig sagen. Immerhin gibt es aber neben der CD – für die Fans solcher Ausgaben – auch eine Vinyl-Platte zu kaufen.

Die Cover von Wolfgang Damerius erinnern an die Erstausgabe der Gruselserie, wenn auch in etwas modernerem und comicartigerem Gewand. Das kann man mögen oder nicht, ich persönlich finde sie durchaus gelungen.

Was mir aber wirklich negativ auffiel, war die Tatsache, dass bereits die Produktbeschreibung von Polterabend – Nacht des Entsetzens ein wesentliches Element der Handlung verraten hat. Ich finde, das muss nicht sein.

Fazit

Viele Fans von damals, die für sich die Gruselserie von 1981 inzwischen zum nostalgisch verklärten Nonplusultra der Hörspielgeschichte gemacht haben, sind naturgemäß nicht zufrieden mit dem Neustart der Serie.

Die Cover, die Drehbücher, die Sprecher, die Tatsache, dass es überhaupt eine Fortsetzung gibt, alles muss sich einer teils harschen und unverdienten Kritik stellen.

Dabei war auch die alte Gruselserie letztendlich nur eine Sammlung von mehr oder weniger gruseligen Geschichten, die vor allem für Kinder und Jugendliche gedacht war. Oft genug wurden Handlungslemente als Grundlagen der Drehbücher benutzt, die sich vor allem cool anhörten, aber im Zusammenspiel eigentlich keinen Sinn ergaben. Dracula, Frankenstein, der Werwolf und andere „Standards“ wurden hier in liebevoll gemeinten, aber dann doch tendenziell unlogischen oder seltsamen Zusammenstellungen durch teils wüste Geschichten geschickt. Die Hörspiele waren die B-Filme der Hörspiel-Szene, aber das machte nichts, denn genau dafür habe ich sie auch immer geliebt.

All diese Traditionen werden auch von den ersten beiden Exemplaren der Neuauflage aufrechterhalten. Nicht jede Wendung der Handlung ist logisch, nicht alle Szenen wirklich sauber aufgelöst, aber das Zusammenspiel der Darsteller bzw. ihrer Charaktere hat den Beteiligten offensichtlich viel Spaß gemacht und reißt vieles wieder heraus.

Und die Erinnerung an gute alte Zeiten erledigt den Rest.

Ich bin auf jeden Fall schon sehr gespannt auf Folge 3, Moskitos – Anflug der Killer-Insekten, die am 3. Mai 2019 erscheinen soll.

Wenn du dir hingegen nicht sicher bist, ob diese Hörspiele etwas für dich sind, dann kannst du dir mit dieser Hörprobe auf YouTube dein eigenes Bild machen.

Produkt-Informationen

Verlag: Europa (2019)
Autor: André Minninger
Grafische Gestaltung: Wolfram Damerius
Regie: Heikedine Körting
Umfang: 1 CD oder LP (53 bzw. 59 Minuten)
Preis (CD): 6,99 €
Preis (MP3): 5,99 €
Preis (Vinyl): 18,99 €


1 – Polterabend – Nacht des Entsetzens und 2 – Yeti – Kreatur aus dem Himalaya
können bestellt werden bei Hoerspiel.de:
Folge 1: CD & MP3 / Vinyl
Folge 2: CD & MP3 / Vinyl

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