Project L (Rezension)

2019 war ich auf der Preview Night der Internationalen Spieltage SPIEL in Essen (ja, tatsächlich, vor Ort, mit anderen Leuten, was einem heute schon so weit weg erscheint, dass man kaum noch daran glauben kann), und eins der wenigen Highlights des doch etwas enttäuschenden Abends war das Spiel Project L des tschechischen Newcomers Boardcubator.

Ein sympathischer Haufen, der leider sehr wenig Anklang fand, so dass sie sehr froh waren, als ich mich dazu setzte, um das über einen Kickstarter finanzierte Spiel näher zu betrachten.

So viel sei bereits im Vorfeld erwähnt, ich hatte viel Spaß damit, und wie es nun mal meine Art ist (vor allem auf Messen und Conventions), spielte ich – zur Freude der Herausgeber – lautstark und mit deutlicher Begeisterung, um auch andere Besucher auf Project L aufmerksam zu machen.

Leider ab es einige produktionstechnische Probleme mit der vorliegenden Variante, so dass man das Spiel zwar antesten, aber nicht käuflich erwerben konnte. Erst im September 2020, kurz vor dem Start der Kickstarters zur Erweiterung Project L – Finesse, erreichte mich die endgültige Version des Spiels, die wir uns nun genauer ansehen wollen.

Regeln

Wenn man sich das Spielmaterial von Project L betrachtet, das vor allem aus schwarzen Plättchen mit Vertiefungen und vielfarbigen Acryl-Teilen in verschiedenen Formen besteht, drängt sich recht schnell der Eindruck auf, dass es bei sich bei diesem Spiel um eine Art Brettspiel-Variante von Tetris handelt.

Und tatsächlich liegt man damit nicht ganz falsch, denn es geht tatsächlich darum, mit den vorhandenen Teilen die Puzzles lückenlos aufzufüllen und zum einen damit Punkte zu machen, zum anderen aber auch neue Teile aus dem zentralen Vorrat zu bekommen.

Zu Beginn des Spiels bekommt jeder Teilnehmer ein gelbes und ein grünes Teil.

Außerdem werden je vier Puzzle-Plättchen mit weißer und schwarzer Rückseite aufgedeckt und nebeneinander auf dem Tisch ausgelegt (die weißen Puzzles sind tendenziell einfacher zu erfüllen, bringen aber auch geringere Belohnungen, die schwarzen Puzzles sind schwerer zu erfüllen und bringen höhere Belohnungen).

Danach führt jeder Spieler reihum seinen Zug aus, indem er drei Aktionen aus den folgenden Möglichkeiten auswählt:

  1. Er nimmt ein Puzzle aus der Tischmitte, legt es vor sich ab und ersetzt es durch ein neues Plättchen vom entsprechenden Zugstapel.
  2. Er nimmt sich ein gelbes Teil aus dem zentralen Vorrat.
  3. Er wertet ein Teil aus seinem eigenen Vorrat auf.
    Aus einem gelben Teil wird somit ein grünes, aus einem grünen ein blaues oder beiges usw. (siehe obiges Bild).
    Das aufgewertete Teil wandert zurück in den Vorrat und wird durch das höherwertige ersetzt.
    Es ist auch möglich, ein Teil abzuwerten oder gegen ein Teil auf der gleichen Ebene zu tauschen, wenn dies sinnvoll erscheint.
  4. Er legt ein Teil aus seinem Vorrat auf eins der vor ihm liegenden Puzzles.
  5. Er führt eine Master-Aktion durch und legt auf jedes Puzzle vor sich ein Teil aus seinem Vorrat; dies ist nur einmal pro Runde möglich.

Gelingt es dem Spieler dabei, ein oder mehrere Puzzle vollständig auszufüllen, so nimmt er das Plättchen an sich, bekommt die eingesetzten Teile zurück und erhält außerdem die aufgedruckte Belohnung (normalerweise Siegpunkte und/oder weitere Teile). 

Das Spiel endet, sobald das letzte schwarze Puzzle aufgedeckt wird.

Danach wird noch einmal bis zum Startspieler gespielt, und jeder Teilnehmer hat im Anschluss daran noch einen letzten Zug sowie die Möglichkeit, vor dem endgültigen Ende noch Teile auf die Puzzles zu legen, was dann jedoch Siegpunkte kostet.

Anschließend kommt es zur Wertung, bei der die aufgedruckten Siegpunkte der beendeten Puzzles addiert und eventuelle Strafpunkte durch Abschlussaktionen abgezogen werden.

Wer danach die meisten Punkte hat, gewinnt das Spiel.

Bewertung

Project L gefällt durch seine extrem einfachen und schnell erklärten Regeln. Aber dennoch handelt es sich nicht um ein simples Spiel, sondern stellt den Spieler durchaus vor so manche taktische oder strategische Entscheidung. 

Sollte man zunächst vor allem leichte Puzzles aufnehmen und lösen, um durch deren Auflösung an neue Teile zu kommen? Oder lohnt es sich, komplexere Puzzles zu holen, um später viele Punkte auf einmal zu bekommen? Wann sollte man Teile aufwerten oder sogar abwerten?

Natürlich erreicht Project L nicht die Spieltiefe eines Kennerspiels, aber dafür kann man es auch einem Gelegenheitsspieler vorlegen, ohne diesen sofort zu überfordern. Einige der Leute an meinem Tisch waren der Meinung, man könnte das Spiel mathematisch ausrechnen und so gewinnen, aber dennoch waren die Testpartien meistens recht ausgeglichen und wurden durchaus nicht nur von den „Kopfrechnern“ gewonnen.

Die Regel liegt in Englisch, Tschechisch, Deutsch, Spanisch, Italienisch und Französisch vor, wobei auffällt, dass sich die Inhalte der Regeln manchmal unterscheiden. So wird in der englische Version der Master-Aktion klargestellt, dass diese nur mit den Teilen durchgeführt werden kann, die man zu Beginn seiner Aktion in seinem Vorrat hat; die deutsche Fassung lässt diese Klarstellung weg, was bei uns bereits im ersten Spiel zu einigen Rückfragen führte, da die Spieler die Teile des ersten gelösten Puzzles wieder nutzen wollten, um ein zweites Puzzle zu lösen.

Ebenfalls etwas unglücklich erschien mir, dass das Regelbuch bereits die Erklärungen für die separate erhältlichen Erweiterungen Ghost Pieces und Ambassador Pack enthält. Das führte zumindest in meinem Fall dazu, dass ich verzweifelt nach den entsprechenden Teilen suchte, bis ich bemerkte, dass diese dem eigentlichen Basisspiel gar nicht beiliegen.

Außerdem ist das Regelbuch offensichtlich für die Deluxe-Variante des Spiels geschrieben, die bis zu 6 Spielern die Teilnahme ermöglicht; die mir vorliegende Basis-Variante enthält jedoch nur Material für maximal 5 Spieler.

Davon abgesehen ist das Regelbuch jedoch umfassend und erklärt das Spiel gut.

Eine funktionierende Solo-Variante (die das Spiel jedoch ziemlich verändert) und eine „schnellere“ Variante mit dem Titel Line Clear runden das Heft ab.

Präsentation

Da es bei diesem abstrakten Spiel so gut wie keine Grafiken gibt, kann man sich hier auf das reine Spielmaterial beschränken, das einen robusten und hochwertigen Eindruck hinterlässt.

Manche mag stören, dass die Teile sehr nach Plastik aussehen, und aus Holz würden sie mir auch besser gefallen, aber sie erfüllen ihren Zweck und passen perfekt in die Vertiefungen der Puzzes.

Der einzige Nachteil ist die Versiegelung der Plättchen und der eigentlichen Schachtel, die sehr empfindlich gegen „Chipsfinger“ ist. Wer also sein Spielmaterial dauerhaft sauber halten möchte, sollte auf fettige Snacks bei diesem Spiel verzichten.

Erweiterung Ghost Pieces

Diese Erweiterung bringt 30 neue Teile, die sogenannten Ghost Pieces, ins Spiel, die besonders groß und ausgefallen sind. Man kann sie nicht einfach durch Aufwerten bekommen, sondern nur als Belohnung, indem man eins der zusätzlichen Puzzles dieser Erweiterung löst.

Außerdem bieten diese Puzzles neue Belohnungen, die es erlauben, vorhandene Teile um eine oder gar zwei Stufen aufzuwerten.

Die Ghost Pieces kann man auch „auseinandernehmen“, also in mehrere Teile umwandeln, welche insgesamt die gleiche Form aufweisen.

Die Erweiterung dient offensichtlich vor allem dazu, das Spiel schneller zu machen, da es im Laufe der Zeit deutlich einfacher ist, an höherwertige Teile heranzukommen.

Erweiterung Ambassador Pack

Das Ambassador Pack enthält vor allem drei neue Puzzles, die als Belohnung ein M im grünen Kreis zeigen.

Wer ein solches Puzzle auflöst, kann es ihm weiteren Verlauf des Spiels einsetzen, um einmalig eine weitere Master-Aktion in der Runde durchzuführen. Danach wird das Plättchen umgedreht, zählt aber weiterhin die angegebene Menge an Siegpunkten.

Die Schachtel enthält außerdem eine Startspieler-Münze, ein kleines, aber letztendlich nicht wirklich notwendiges Gimmick, da das Spielertableau des Startspielers bereits entsprechend gekennzeichnet ist.

Fazit

Project L ist kein abendfüllendes Spiel, sondern spielt sich normalerweise in einer guten halben Stunde locker herunter. Oft genug macht es dabei aber so viel Spaß, dass es direkt noch einmal auf den Tisch kommt.

Das Thema des Spiels ist vergleichsweise unverbraucht, und Regeln und Spielmaterial wissen (mit Abstrichen) zu überzeugen. Vor allem aber punktet Project L damit, dass es absolut rund läuft, wenn man sich erst einmal eingespielt hat (das kann man sicherlich nicht über jedes Projekt sagen, das aus einem Kickstarter entstanden ist).

Wer sein Spiel nicht unbedingt mit aufwändigen Grafiken und aufgepfropften Themen braucht, der kann sich an diesem kleinen, aber feinen Spiel gerne versuchen. Leider ist durch die große Menge an Material die Einstiegshürde des Preises recht hoch ausgefallen, aber aus meiner Sicht ist es sein Geld absolut wert.

In Schulnoten ist das eine glatte 2.

Produkt-Informationen

Verlag: Boardcubator (2020)
Autor: Adam Španěl
Bebilderung: Pavel Richter
Material: 5 Spieltableaus, 32 weiße und 20 schwarze Puzzles, 135 Teile, 4 Marker plus Spielregel
Spieleranzahl: 1-5 ab 10 Jahren
Spieldauer: 20-40 Minuten
Preis: ca. 49,00 €
Erscheinungsdatum: Juli 2020


Project L ist in ausgesuchten Online-Läden oder über Kickstarter erhältlich.

Diese Rezension ist eine Vorab-Veröffentlichung aus der Ausgabe 130 des Magazins Spielerei, mit freundlicher Genehmigung des Chefredakteurs Karsten Höser.

Der aktuelle Kickstarter für Project L – Finesse ist unter dieser Verknüpfung zu finden:

https://www.kickstarter.com/projects/boardcubator/project-l-finesse

Hinweis:
Die Rezension erfolgt anhand eines Exemplars des Spiels und der Erweiterungen, das freundlicherweise von Boardcubator zur Verfügung gestellt wurde.

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