Anarchie Déco (Rezension)

Berlin in den Zwanziger Jahren des Zwanzigsten Jahrhunderts war sicherlich eine der wildesten und aufregendsten Städte der Weimarer Republik, wenn nicht gar der Welt.

Politische Unruhen und Unwägbarkeiten, kulturelle Höhepunkte, aber auch überbordendes Verbrechen und ausschweifendes Nachtleben, dazu sexuelle Triebe Freiheiten, die man in der militaristisch-gehorsamen Kaiserzeit nicht für möglich gehalten hätte.

All dies ist nicht nur in zahlreichen Sachbüchern und Dokumentationen festgehalten, sondern war auch das Thema vieler Romane. Dabei ist Volker Kutscher mit seiner Reihe um den Berliner Polizisten Gereon Rath wohl aktuell der bekannteste Vertreter (nicht zuletzt aufgrund der erfolgreichen Fernsehserie Babylon Berlin).

Doch in der Vergangenheit haben manche Autoren auch schon das Übernatürliche in diese volatile Mixtur eingebracht, so zum Beispiel Kai Meyer mit seinem Roman Das zweite Gesicht.

Jetzt haben sich auch J. C. Vogt (ein Quasi-Pseudonym, hinter dem sich die Autor:innen Judith Vogt und Christian Vogt verbergen) an dieses Thema heran gewagt, mit ihrem Roman Anarchie Déco.  

Inhalt

Nike Wehner ist eine junge Physikerin, die an der Humboldt-Universität zu Berlin ihre Doktorarbeit schreibt. Sie wird jedoch oft nicht ernst genommen, allein schon aufgrund ihres Geschlechts (Eine Frau als Physikerin? Lächerlich!). Noch dazu ist sie sie ganz offensichtlich das uneheliche Kind eines Ägyptologen mit einer Einheimischen und tritt zudem als sehr androgyne Person in Männerkleidung auf. Das außergewöhnliche Thema ihrer Arbeit, nämlich das Zusammenspiel von Physik und Magie, das sie in wissenschaftlichen Experimenten untersuchen und nachweisen möchte, gibt ihrer Reputation oft genug endgültig den Rest.

Doch in Berlin hat die Wirklichkeit die Wissenschaft schon lange überholt: ein Mann „ertrinkt“ in einer Marmorfläche, eine Frau wird versteinert, und verschiedene politische Gruppierungen versuchen sich die neuen Erkenntnisse zunutze zu machen.

Nike wird als Expertin auf diesem Gebiet der Polizei zugeteilt, um bei den Ermittlungen zu helfen, und arbeitet mit dem fast schon pensionierten Beamten Seidel zusammen. Der junge tschechische Künstler Sandor Cerný wird ihnen zur Seite gestellt. Diese mehr oder weniger unfreiwilligen Partnerschaft zeichnet dabei vor allem aus, dass man die Beteiligten anderswo nicht unbedingt für wichtig erachtet.

Laut den aktuellen Theorien kann Magie nur durch die Dualität der Gegensätze Männlich/Weiblich und Wissenschaft/Kunst gewirkt werden, so dass vor allem Nike und Sandor scheinbar aufeinander angewiesen sind. Doch dieses Denken (und bei Nike noch einiges mehr) soll durch die Tänzerin bei Nacht/den Psychotherapeuten bei Tag Georgette „George“ Kalinin gehörig durcheinander gebracht werden. Sie alle müssen sich nun zusammenraufen, um herauszufinden, wer am Aufwallen der Magie in der Stadt die Verantwortung trägt. Und welche Ziele diese Menschen verfolgen.

Bewertung

Anarchie Déco zeichnet ein bemerkenswert farbiges und authentisch wirkendes Bild eines aufgewühlten Berlin im Jahre 1927. Politisch und sexuell befindet sich die Stadt in Aufruhr, und das kommt auch in allen Passagen des Romans zum Tragen.

Die naturwissenschaftliche Seite der Handlung macht auf mich als tendenziell Unwissenden einen soliden Eindruck (was der Tatsache geschuldet ist, dass Christian Vogt studierter Physiker ist), und die magische Seite baut logisch und spannend darauf auf. Bisweilen fragt man sich zwar, warum „die Anderen“ den Protagonist:innen vom Wissen her weit voraus sind, aber auf der anderen Seite lernt man so zusammen mit den Charakteren.
Überhaupt, die Charaktere. Hier erleben wir beim Lesen ein wildes Tohuwabohu an Persönlichkeiten, die sich trotzdem wunderbar zusammenfügen. Neben den drei Haupt-Charakteren Nike, Sandor und Georgette haben es mir vor allem der alternde Kriminalobermeister Christoph Seidel und Nikes Mutter Rabea angetan, vor allem in ihrem späteren Zusammenspiel. Es stört dabei auch keineswegs, dass wir es mit allerlei Personen aus dem heute „queer“ genannten Umfeld zu tun haben, denn wo, wenn nicht im Berlin der Weimarer Republik, könnte man solche Figuren auftauchen lassen?
So schimmert zwar an vielen Stellen die politische Agenda von Judith Vogt durch, doch selten geschieht dies störend oder wirkt aufgesetzt. Manchmal tauchen Worte auf, die man im Rahmen der aktuellen Gender-Debatte als Anachronismus einstufen würde (z. B. „Gästin“ oder „Studierende“), die jedoch meinen Recherchen zufolge durchaus in dieser Zeit geläufig waren.Spannungstechnisch hat das Buch ein, zwei Hänger, gerade in der Mitte des Romans, doch ich bin trotzdem immer mit Freude dabeigeblieben, da auch die handlungstechnisch weniger relevanten Kapitel immer die Welt oder die Beziehungen der Protagonist:innen weiter entwickelt haben.

Präsentation

Leider kann ich hierzu wenig sagen, da mir das Buch nicht vorliegt (ich habe es als Hörbuch gehört), aber bedauerlich ist, dass es im eigentlichen Roman wohl ein Nachwort gibt, das der Audio-Version fehlt.

Vanida Karun als Sprecherin der Hörfassung macht ihren Job hervorragend und führt die Zuhörenden mit angenehmer Stimmfärbung und ohne wilde Sprachkapriolen durch die Handlung.

Optisch macht das Buch – auch aufgrund der wirklich gelungenen Cover-Illustration – einen hervorragenden Eindruck. 

Fazit

„Babylon Berlin mit Magie“, so wurde das Buch von einigen Kritikern bezeichnet, und wenn mir diese Beschreibung auch ein wenig plakativ und am Ziel vorbeigeschossen erscheint, so gibt es doch wieder, wer sich für Anarchie Déco interessieren könnte.

Der Roman weiß über weite Strecken zu begeistern, und wer mal eine etwas andere Sichtweise auf die Weimarer Republik (auch durchaus eine weiblichere Sicht) erleben möchte, dem möchte ich dieses Buch ans Herz legen (und ich nutze hier explizit die männliche Form, weil ich denke, dass man manche Herren eher überzeugen muss als die anderen Geschlechter). Die stellenweise hysterische Ablehnung des Werks durch einige Leute aufgrund der feministischen und queeren Untertöne kann ich auf jeden Fall nur als völlige Übertreibung und Fehldarstellung sehen. Besonders bedauerlich ist nur, dass die anscheinend geplante Fortsetzung Anarchie Déco 1930 aufgrund der nicht ausreichenden Verkaufszahlen des ersten Bandes wohl nicht erscheinen wird. Schade drum, ich hätte zu gerne gewusst, wie es den Held:innen dieser Geschichte weiter ergangen wäre. 

Nachtrag

Auf der Website von J. C. Vogt gibt es noch eine Seite mit vielen verschiedenen Links zu diesem Projekt:

Produkt-Informationen

Verlag: FISCHER Tor
Autor:
J. C. Vogt
ISBN-10:
3596002214
ISBN-13:
9783596002214
Seitenzahl (Paperback):
480
Preis (E-Book)
: 12,99 €
Preis (Paperback):
16,99 €
Preis (Hörbuch):
24,95 €
Erscheinungsdatum (E-Book und Paperback):
25. August 2021
Erscheinungsdatum (Hörbuch):
8. Oktober 2021

Anarchie Déco ist im regulären Buchhandel erhältlich.
Das Hörbuch ist beim Argon-Verlag oder bei Audible erhältlich.

Hinweis:
Die Rezension erfolgt anhand eines selbst gekauften Exemplars des Hörbuchs.

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